Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte

Double Empathy und Missverständnisse

Kurz gesagt: Warum Verständigungsprobleme nicht nur auf der Seite autistischer Menschen entstehen müssen – und was das Double-Empathy-Modell dazu sagt und nicht sagt.

Kommunikation und mögliche Anpassungen beschreibt ausführlicher der Beitrag Kommunikation. Hier geht es um eine spezifische Frage: Wer trägt eigentlich die Verantwortung, wenn ein Gespräch schiefläuft?

Für autistische Menschen

Vielleicht kennst du Situationen, in denen andere deine Mimik, deinen Tonfall oder deine Absicht falsch einschätzen.

Das Double-Empathy-Modell weist darauf hin, dass Verständigungsprobleme nicht ausschließlich auf der Seite autistischer Menschen entstehen müssen. Menschen mit unterschiedlichen Kommunikations- und Erfahrungsweisen können sich gegenseitig missverstehen.

Das bedeutet aber nicht, dass autistische Menschen grundsätzlich keine sozialen Schwierigkeiten haben. Auch das wäre zu einfach.

Was ich daraus praktisch mitnehme: Wenn ein Gespräch schiefläuft, kann die Frage “Haben wir gerade wirklich dasselbe verstanden?” hilfreicher sein als die Frage, wer “falsch kommuniziert” hat.

Für Angehörige

Kommunikationsprobleme entstehen nicht immer ausschließlich dadurch, dass die autistische Person etwas “nicht versteht”. Auch nichtautistische Menschen können Schwierigkeiten haben, autistische Kommunikation richtig einzuschätzen.

Das beschreibt das Double-Empathy-Modell. Es ist wissenschaftlich interessant, aber kein Beweis dafür, dass alle Kommunikationsprobleme ausschließlich auf der nichtautistischen Seite entstehen.

Für Beziehungen besonders wichtig: Beide Seiten können missverstehen. Deshalb ist Klären oft besser als Interpretieren.

Für Fachkräfte

Das Double-Empathy-Modell bietet einen relevanten Perspektivwechsel gegenüber rein einseitigen Defizitmodellen. Studien weisen darauf hin, dass kommunikative Passung teilweise davon beeinflusst werden kann, ob Menschen ähnliche oder unterschiedliche Kommunikations- und Erfahrungsweisen haben.

Die Evidenz erlaubt jedoch nicht die Schlussfolgerung, dass diagnostisch relevante soziale Kommunikationsschwierigkeiten bei Autismus nicht existieren. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass nichtautistische Personen grundsätzlich die Ursache sozialer Missverständnisse sind.

Für die Praxis: Kommunikationsprobleme sollten interaktionell analysiert werden. Nicht nur: “Was kann die autistische Person nicht?”, sondern auch: “Welche Anforderungen stellt diese Situation und wie tragen beide Kommunikationsweisen zum Missverständnis bei?”

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Quellen