Für: Autistische Menschen, Angehörige, Fachkräfte

Predictive Processing

Kurz gesagt: Ein Forschungsansatz dazu, wie Erwartungen und Sinneseindrücke im Gehirn miteinander abgeglichen werden.

Verwandte Themen: Autistische Wahrnehmung, Reizverarbeitung und Zentrale Kohärenz.

Was bedeutet das?

Predictive Processing (auch “predictive coding”) ist ein allgemeiner Forschungsrahmen aus den Kognitionswissenschaften, der beschreibt, wie das Gehirn eintreffende Sinneseindrücke fortlaufend mit eigenen Erwartungen abgleicht. Vereinfacht gesagt: Das Gehirn erzeugt ständig Vorhersagen darüber, was als Nächstes wahrgenommen wird, und aktualisiert diese Vorhersagen, wenn die tatsächliche Wahrnehmung davon abweicht.

Der Ansatz wird auch auf Autismus angewendet, ist dabei aber ein Forschungsrahmen und keine abschließend bewiesene Erklärung von Autismus. Ein einflussreiches Modell von Van de Cruys und Kolleg:innen (2014) schlägt vor, dass bei Autismus Abweichungen zwischen Erwartung und Wahrnehmung im Durchschnitt weniger stark “geglättet” beziehungsweise unterschiedlich gewichtet werden könnten – was unter anderem erklären könnte, warum kleine Veränderungen oder unerwartete Reize stärker auffallen. Es werden in der Forschung verschiedene, teils konkurrierende Predictive-Processing-Modelle zu Autismus diskutiert; eine einheitliche, abschließend bestätigte Theorie gibt es bisher nicht.

Wie kann sich das zeigen?

Nicht jeder autistische Mensch erlebt dies gleich. Im Zusammenhang mit diesem Forschungsrahmen werden unter anderem folgende Erfahrungen diskutiert:

  • Unerwartete Veränderungen (an Alltagsabläufen, in Gesprächen, in der Umgebung) werden stark bemerkt und können belastend wirken.
  • Vorhersehbarkeit und Vorbereitung auf Situationen reduzieren spürbar die Anstrengung.
  • Kleine Abweichungen von einem erwarteten Muster fallen schnell auf.

Was wissen wir aus der Forschung?

Predictive-Processing-Modelle zu Autismus sind ein aktives, aber noch relativ junges Forschungsfeld. Es handelt sich um theoretische Rahmenkonzepte, die einzelne autistische Erfahrungen plausibel einordnen können, aber nicht um einen abschließenden neurobiologischen Nachweis. Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Befunden darüber, in welchen Bereichen und wie stark sich Vorhersageverarbeitung bei Autismus unterscheidet. Für konkrete, verbindliche Alltagsaussagen ist die Datenlage bislang zu begrenzt.

Was bedeutet das im Alltag?

Unabhängig vom genauen theoretischen Modell beschreiben viele autistische Menschen, dass Vorhersehbarkeit Entlastung bringt und plötzliche Änderungen mehr Aufwand bedeuten.

Was kann helfen?

  • Ankündigungen und Vorwarnzeiten vor Veränderungen.
  • Transparente Informationen darüber, was als Nächstes passiert.
  • Verlässliche Abläufe an Orten, die ohnehin schon viel Konzentration erfordern.

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Quellen